«Dat Liäben üöwerliäft den Daut» - Ein kleiner Rückblick auf das Osterfest

Supper_at_Emmaus-Caravaggio_(1606) (Foto: Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610): Das Abendmahl in Emmaus (1606). London, National Gall)

Die Ostertage liegen hinter uns und haben uns bereichert. Neues und Bewährtes haben sie geprägt. Es lohnt sich deshalb, auf diese intensive Zeit für den Glauben und unsere Kirchgemeinde zurückzublicken.








«Dat Liäben üöwerliäft den Daut» - Ein kleiner Rückblick auf das Osterfest

Ostern ist die zentrale und elementare Feier der christlichen Tradition.
Alle anderen Festformen und Liturgien haben sich aus diesem Ereignis entwickelt.
Ohne Ostern keine christlichen Lebensformen.

So ist es eindrucksvoll und erfüllend, den Weg Jesu, den die liturgischen Stationen vom Palmsonntag zum Hohen Donnerstag und weiter vom Karfreitag, über den Karsamstag zur Osternacht und zur Eucharistiefeier am Ostermorgen thematisieren, mitzugehen und innerlich nachzuvollziehen. Es ist sehr schön – und substantiell für das geistliche Leben unserer Kirchgemeinde -, dass eine markante Anzahl von Frauen und Männern diesen Weg mitgegangen ist. Ohne die Feiern des österlichen Geheimnisses verliert das Christentum seine Mitte und seine Basis, - auch unsere Kirchgemeinde
.
- Der Palmsonntag wurde in diesem Jahr von neuen prachtvollen Palmbäumen bereichert. Die Erinnerung an den Einzug Jesu in Jerusalem bleibt uns das Jahr über durch die immergrünen Zweige, die wir segneten, lebendig vor Augen.

- Das gemeinsame Färben der Ostereier von Jung und Alt machte es erfahrbar, wie sehr dieses Brauchtum Freude schenken kann.

- Mit der besonderen Feier am Hohen Donnerstag konnten wir die Demut Jesu thematisieren und die Liturgie des Karfreitags führte der versammelten Gemeinde das Leiden und Sterben Jesu vor das innere, geistliche Auge.

- Das wunderbare Lucernarium der Osternacht eröffnet Jahr um Jahr einen weiten Erfahrungsraum des Glaubens.

- Die festliche Eucharistie am Ostermorgen bringt den frohen Jubel des Neuen Lebens ins Wort.

- Mit dem Evangeliumsbericht von den beiden, die nach Emmaus unterwegs sind, ist uns ein Schlüssel zur Auslegung der Heiligen Schrift gegeben.

Auf ausserordentliche Weise sind diese Feiern so vielfältig und reich, so tief und lebendig, dass sie die unterschiedlichsten Charaktere führen und erfüllen können. So war es in diesem Jahr eindrucksvoll, wie viele Menschen den Weg in die Predigerkirche gefunden haben. Bemerkenswert war der Besuch zur Karfreitagsliturgie: Während die Osternacht stets mehr als 120 Personen anzieht, war in diesem Jahr der Karfreitag so gut besucht wie seit Menschengedenken nicht mehr. Die entsprechenden Gebets- und Gesangbücher mussten beständig «nachgefüllt» werden.

Es waren gute Feiern, die das Herz trösten und in einer verwirrenden Gegenwart Hoffnung geben. Und auch die kleinen Zeichen sind gelungen: So bewertete ein sehr lebenserfahrenes Mitglied der Kirchgemeinde das erste Osterfeuer unseres neuen Abwarts Benjamin Gasser als das schönste, das es je gab.

Allen, die auf ihre Weise dazu beigetragen haben, dass das Osterfest in unserer Kirchgemeinde gelingen konnte und seine Botschaft weitergetragen wird, sei von Herzen Dank gesagt.
Gerade weil die Feiern aller christlichen Denominationen in dieser Zeit des Kirchenjahres so vielfältig und reich sind, können sich so viele Menschen in das liturgische Geschehen der Geheimnisse des Glaubens einfinden. Entsprechend dem Wort eines grossen Dichters: «Und was man nicht sagen kann, // sehen unsere Augen an!»

Wer glaubend schaut, der gewinnt einen tiefen Blick. Dieser Reichtum der Liturgie verträgt daher auch keine Reglementierung. Und er verträgt auch nicht die Dominanz eines Kultbeamtentums. Darüber waren im 5. Jahrhundert bereits die Patriarchen von Antiochia und Alexandrien verstritten.
Wenn sich unsere kirchliche Tradition besonders auf die frühe Phase der christlichen Tradition beziehen will, dann kann sie nicht anders als sich auf Vielfalt beziehen. Aber das ist kein willkürliches Auseinanderstreben, sondern eine Vielfalt, die einen inneren Gravitationskern hat.

Wer reglementiert, wird irgendwann nicht darum herumkommen zu sanktionieren und zu fixieren. Und wer fixiert, muss irgendwann Ausnahmen schaffen. Das führt immer in die Irre. Auch in der Liturgie. So wurde bis 1955 an vielen Kirchen der römischen Tradition die Osternacht am Vormittag des Karsamstags (!!) gefeiert. Das hat in sinnvoller Weise eine Korrektur erfahren! Um einer solchen Dynamik zur Verhärtung zu entgehen, ist es gut, die zahlreichen Dimensionen der Liturgie zu bedenken.

Im römisch-katholischen Bereich ist das in besonderer Weise dem Theologen Romano Guardini (1885-1965) gelungen. In seinem Werk "Vom Geist der Liturgie" (1918) entwirft er ein Konzept der Liturgie als «ludum» (Spiel). Er ist von der Idee geleitet, dass eine christliche Liturgiefeier keinem äusseren Zweck diene. Vielmehr versteht er sie als eine zweckfreie, sinnvolle, liebende Handlung vor Gott.

R. Guardini stellt das «ernste Spiel» der Liturgie dem effizienten und leistungsbewussten «Werk» gegenüber. Während das «Werk» ein Ziel verfolgt, ist die Liturgie wie das Spiel eines Kindes oder wie die Kunst. Sie will nichts in intentionaler Form erreichen. Vielmehr ist die Liturgie der freie Ausdruck des menschlichen Seins vor Gott. Und obwohl die Liturgie keinen direkten Zweck hat, besitzt sie einen tiefen Sinn. Sie schafft einen Raum und ein Kraftfeld, in dem der Mensch einfach sein kann, ohne dem Zwang zur Nützlichkeit huldigen zu müssen. Wichtig ist aber auch, dass es eine feste, verlässliche Richtschnur gibt. Wie jedes Spiel hat die Liturgie feste Regeln und Formen (Riten), die ihr Struktur und Freiheit zugleich verleihen. Diese sind nicht beliebig, - sie sind aber auch nicht starr.

Vielleicht lässt sich dieser Aspekt mit dem Fussball-Spiel vergleichen: Es braucht unbedingt feste Regeln, aber wenn es nur die Regeln gibt und keine Kreativität wächst, dann wird nur noch «Rumpelfussball» gespielt und schliesslich herrscht bohrende Langeweile.
Dass es in der westlichen Tradition der Liturgie auffällige, geradezu rasante Neuaufbrüche gab, lässt sich allein an der Musik ablesen: Erst hatte der sog. gregorianische Gesang in der Spätantike grösste Mühe, sich durchzusetzen. Als er schliesslich erfolgreich war, wurde er gleichsam dogmatisiert und die neue, polyphone Musik wurde regelrecht verboten.
Wie oft habe ich nicht streitbare Vertreter einer festen Liturgik versonnen eine – selbstverständlich polyphone – Mozart-Messe lauschen gesehen, obwohl diese ja nach den alten Weisungen der westlichen Kirche verboten wäre!

Besserwisserei, Dogmatisierung und Haarspalterei sind hier nicht hilfreich. Vielleicht ist es für alle, die die christliche Liturgie ehren und feiern, ein entlastendes Faktum, dass viele Regionen der grossen westlichen Tradition bis in die Moderne ganz eigene liturgische Formen entwickeln konnten! Hier gilt es fraglos auch dem neuzeitlichen Drang zur Vereinheitlichung zu widerstehen.

Zum nachdenklichen Schluss der Osterreflexion: Der niederdeutsche Dichter und Priester, Augustin Wibbelt (1862-1947), hat in dem Dorf Mehr (am unteren Niederrhein), wo er als Pastor wirkte, eine besondere Spur seiner Frömmigkeit hinterlassen. Auf dem Dorffriedhof finden wir von ihm den plattdeutschen Spruch: «Dat Liäben üöwerliäft den Daut»! Ins Hochdeutsche übertragen: «Das Leben überlebt den Tod!» Dieses Wort hat die Kraft zu einem spirituellen Leitgedanken: Das Leben überwindet den Tod nicht irgendwie. Es besiegt ihn nicht durch Geschick oder Kraft. Das Leben begegnet dem Tod mit dem ureigenen Sein, dem ureigenen Wesen: Der Tod hat ein Ende da, wo das Leben, das Gott gibt, lebt. Wer dem Leben traut, ihm Raum gibt, bringt den Tod – in all seinen Formen – an sein Ende. Denn: Die Freude Gottes ist der lebendige Mensch! (Pfr. Michael Bangert)
Publiziert von Franz Osswald am 12.04.2026   Besuche: 19 Monat