Gemeindereise 2013

Die Anreise am Pfingstsonntag 19. Mai 2013

Nach dem Festgottesdienst geht es mit dem Chauffeur Emil Spinnler auf die Autobahn.
Ohne Staus fahren wir bequem vorbei an Frankfurt mit seiner Hochhaus-Skyline Richtung Kassel, wo der große Schweizer Historiker Johannes von Müller gewirkt hat.

Goslar, die alte Kaiserpfalz liegt am Weg.
Blühende Rapsfelder liegen in strahlendem gelb am Wegrand.

Gegen 21.30 Uhr treffen wir im Schloßhotel Ballenstedt ein. Ein freundlicher Service empfängt uns. Rasch sind wir mit einem guten Nachtessen gestärkt und die meisten sinken bald in die Kissen zur Nachtruhe.

Unterwegs begleiten uns u.a. noch zwei Pfingstgedichte:

Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen:
Es grünten und blühtenFeld und Wald;
auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken
Übten ein fröhliches Lied die neu ermunterten Vögel
Jede Wiese sprosste von Blumen in duftenden Gründen,
Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.

(J.W. Goethe: Reineke Fuchs, 1. Gesang.)

Der Nachtigall Pfingstgesang
Zu Pfingsten sang die Nachtigall
nachdem sie Tau getrunken
die Rose hob beim hellen Schall
das Haupt, das ihr gesunken!

O kommt ihr alle trinkt und speist,
ihr Frühlingsfestgenossen,
weil übers ird`sche Mal der Geist
des Herrn ist ausgegossen.

Die Himmelsjünger groß und klein
sind von der Kraft durchdrungen,
man hört sie reden insgemein
zu wunderbaren Zungen.

Und da ist kein Zung` am Baum
Kein Blatt ist da so kleines,
es redet auch mit drein im Traum
als sei`s voll süßen Weines.

Oh, Ihr Apostel gehet aus
Und predigt allen Landen
mit Säuselluft und Sturmesbraus
von dem, der ist erstanden!

Legt aus sein Evangelium,
auf Frühlingsau`n geschrieben,
daß er uns lieben will darum,
wenn wir einander lieben.

Wer liebend sich ans nächste hält
Und will nur das gewinnen,
umfaßt darin die ganze Welt,
und Gott ist mitten drinnen!
(Friedrich Rückert)
Pfingstmontag, 20. Mai Der erste Tag bringt gleich mehrere kulturelle Besonderheiten: Gernrode und Quedlinburg. Ganz hochoffiziell hatte der „Deutsche Wetterdienst“ für diesen Tag mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 90 Prozent Regen für das nördlich Harzvorland vorausgesagt. Die 10 Prozent haben uns gereicht, den ein oder anderen kleinen Sonnenbrand einzufangen!!

Nur eine kurze Fahrstrecke von unserem feinen Quartier im Schloßhotel in Ballenstedt, einer kleinen Residenzstadt mit Museum, Theater und Schloß, liegt das Städtchen Gernrode.
Die dortige Stiftskirche St. Cyriakus wurde bereits im 10. Jahrhundert gegründet und ist heute noch das Gotteshaus der lutherischen Gemeinde. Die Kirche mit West- und Ostchor weist byzantinische Einflüsse auf. Das Gesamteindruck ist einzigartig, - auch weil uns zahlreiche Fresken und die bemalte Holzdecke mit außerordentlicher Farbkraft in den Bann schlagen.
Um 10 Uhr ist ein ökumenischer Gottesdienst, an dem wir teilnehmen. Aus sieben Orten sind lutherische und röm.kath. Christinnen und Christen zu dieser Feier eingeladen worden. Wir sind herzlich willkommen, - nicht zuletzt weil durch unsere Anwesenheit die Zahl der Gottesdienstbesucher auf das Dreifache ansteigt.
Da die nahezu inhaltsfreie Ansprache Raum für eigene Wahrnehmungen bietet, kann der großartige Raum seine Wirkung aus Beste entfalten.
Die Frauen, die eine ökumenische Begegnung im Kreuzgang der Stiftskirche organisiert haben, sind überaus froh über unsere Anwesenheit, da sie nun ihren Kaffee, ihre wunderbaren Kuchen und die schmackhaften Würste an die Frau und den Mann bringen können.

Wiederum nach kurzer Fahrt treffen wir in Quedlinburg ein, wegen seines geschlossenen Stadtbildes und des einzigartigen Schloßberges seit 1994 auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes. Ein Gang durch die Gassen eröffnet eine erstaunliche Vielfalt von Fachwerk an den historischen Gebäuden.
Die hochromanische Stiftskirche war im 10. Und 11. Jahrhundert ein Zentrum der kaiserlichen Macht und der europäischen Kultur. Der Domschatz zeigt daher ein Sammlung exquisiter Kostbarkeiten aus dieser Zeit.
Ein Bummel durch die Stadt und ein Besuch bei der vorromanischen Wiperi-Kirche mit ihrer speziellen Umgangskrypta bilden den Abschluß des Besuchsprogramms.

Der Tag klingt in Ballenstedt bei einem guten Nachtessen aus.
Dienstag, 21. Mai Nach einem guten Frühstück brechen wir nach Hamersleben auf. Die ehemalige Kirche eines Augustinerchorherren-Stiftes ist unser erstes Ziel. Wieder ein Tag mit großem Wetterglück!!

Wir treffen auf eine große Ökonomie, die heute zum Teil im Verfall begriffen ist. In einem anderen Teil ist eine soziale Einrichtung für Menschen mit Behinderung untergebracht.
Die Gründung von Hamersleben erfolgte kurz nach der Jahrtausendwende. Die Kirche ist in schlichter, edler Weise mit monolithischen Säulen ausgeführt. Lombardische und burgundische Steinmetze haben die Gestaltung der Wände und er Kapitelle übernommen. Ausdruck einer europäischen Kultur und der Verbundenheit der einzelnen Länder untereinander.
Die Kirche, die dem Hl. Pankratius (Einem der Eisheiligen!!) geweiht ist, liegt abseits der großen Verkehrswege. Hamersleben ist ein verschlafenes Örtchen. Der Zugang führt durch eine kleine Pforte, hinter der friedlich die Schafsherde des Pfarrers grast. Dieser ist gerade dabei ein Wiesenstück mit dem Grasschneider zu mähen. Zunächst noch etwas bellig – wie sein Hund – doch dann immer freundlicher führt uns Pfarrer Ludger ??? durch „seine“ Kirche. Seit 1962 arbeitet er als Seelsorger hier in Hamersleben. Nach dem Bau der Mauer kam er freiwillig in den „realexistierenden Sozialismus“, um seiner Kirche und ihren Gläubigen zu dienen und um die Verbindungen zwischen West und Ost nicht abreißen zu lassen. Nun ist der 87-jährige immer noch daran, für das Evangelium einzustehen und das romanische Juwel der Stiftskirche zu hüten. Im gut erhaltenen Kreuzgang lebt ein Pfauenmännchen, das sich gerade heute ungeheuerliche Mühe gibt, seinem Weibchen, das nur an Körnern interessiert zu sein scheint, zu gefallen und es zu beeindrucken.

Nach dem Aufbruch wenden wir uns nach Halberstadt, dem alten Bischofssitz. Die Stadt wurde in der letzten Phase des 2. Weltkriegs fast vollständig zerstört. Der Wiederaufbau erfolgt schleppend und die Wunden im Stadtbild sind noch überdeutlich.
Die gotische Kathedrale St. Stephan beherbergt einen der bedeutendsten Kirchenschätze der Welt. Die Sammlung an romanischen Teppichen ist vollkommen einzigartig!! Wir verbringen eine intensive Zeit bei der Betrachtung dieser Kostbarkeiten, da uns in ihnen die Bildwelt der Romanik lebendig wird.

Auch die innerliche Triumphkreuz-Gruppe zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Leider ist die romanische Liebfrauenkirche, deren farbiger Lettner von großer kultureller Bedeutung ist, mutwillig vorzeitig geschlossen worden. So wenden wir uns nach Ballenstedt, wo wiederum ein ereignisreicher Tag im Schloßhotel bei einem guten Nachtessen und einem ausgiebigen Schlummertrunk aus.
Mittwoch, 22. Mai Heute regnet es! Doch wir lassen uns nicht aufhalten. Die Reise geht nach Merseburg. Die eindruckvolle Domkirche und die alten, heidnischen Beschwörungsformeln, die in christliche Gebetstexte eingebetet wurden, die sog. „Merseburger Zaubersprüche“ ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich.
Hier der Text mit Übersetzung:

Der Erste Merseburger Zauberspruch ist ein Vierzeiler. Er lautet im Original:

Eiris sâzun idisi, sâzun hêra duoder.
suma hapt heptidun, suma heri lezidun,
suma clûbôdun umbi cuoniouuidi:
insprinc haptbandum, inuar uîgandun !

Hier eine Übersetzung ins heutige Deutsch:
Einst setzten sich Jungfrauen/Idisen, setzten sich hierher...
Manche hefteten Haft, manche hemmten das Heer.
Einige zerrten an den Fesseln.
Entspring den Haftbanden, entfahr den Feinden!

Der Zauberspruch beschreibt, wie eine Anzahl „Idisen“, also weiblichen Geistern, eventuell identisch mit den Disen, weibliche Gottheiten aus der nordischen Mythologie auf dem Schlachtfeld gefangene Krieger befreit. Insofern handelt es sich um einen „Lösesegen“, durch den Gefangene aus ihrer Gefangenschaft befreit werden sollen. Die letzte Zeile „Entspring den Haftbanden, entfahr den Feinden!“ ist die eigentliche magische Komponente, sie enthält die Vorbildhandlung.

Der zweite Merseburger Zauberspruch ist länger als der erste:

Phol ende Uuôdan uuorun zi holza.
Dû uuart demo Balderes uolon sîn uuoz birenkit.
thû biguol en Sinthgunt, Sunna era suister,
thû biguol en Frîia, Uolla era suister;
thû biguol en Uuôdan sô hê uuola conda:
sôse bênrenkî, sôse bluotrenkî,;sôse lidirenkî:
bên zi bêna, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sôse gelimida sin!
Auch hier eine Übersetzung:
Phol und Wodan ritten ins Holz.
Da ward dem Fohlen Balders der Fuß verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt (und) Sunna, ihre Schwester.
Da besprach ihn Frija (und) Volla, ihre Schwester.
Da besprach ihn Wodan, wie (nur) er es verstand:
So Knochenrenke wie Blutrenke wie Gliedrenke:
Bein zu Bein, Blut zu Blut,
Glied zu Gliedern, als ob geleimt sie seien!

Die Bedeutung des Zauberspruchs ist offensichtlich: das verrenkte Bein eines Pferdes oder Fohlens soll geheilt werden. Entsprechende Darstellungen finden sich oft im 5./6. Jahrhundert.


Das Grabmal Rudolfs von Rheinfelden betrachten wir ausführlich. Sein Schicksal ist ergreifend, da er nach dem Verlust der rechten Schwurhand seine Herrschaftsansprüche verlor.

In Naumburg wird der Dom mit seinen edlen Steinmetzarbeiten des „Naumburger Meisters“ zum Höhepunkt des Tages. Insbesondere die Frauenfiguren Uta, Gerburg und Reglindis bringen bestimmte Charaktere und Regungen zum Ausdruck. Im Domschatz von Naumburg betrachten wir – ebenso wie in Merseburg – ausgewählte Werke der christlichen Spiritualitätsgeschichte.

Abschließend führt uns der Weg noch in das 7000 Jahre alte Sonnenobservatorium nach Goseck. In der Jungsteinzeit diente die Anlage zur Festlegung der Saat und der Feste.

Das Nachtessen ist heute mit einer Weinprobe auf dem Weingut Pawis in der Nähe von Freyburg verbunden. Suppe und Vesperplatte stärken uns für die feinen Weißweine der wenig bekannten Anbauregion „Saale / Unstrut“.
Donnerstag, 23. Mai Wieder ist das Wetter gut.

Es geht nach Eisleben, wo wir den großen Gottsucher und Reformator Martin Luther näher kennenlernen.

Nach einer Rast geht es ins Zisterzienserinnen Kloster Helfta mit seiner eindruckswollen Vergangenheit.

Die wunderbare Ulrich-Kirche in Sangerhausen bildet den würdigen Abschluß eines Tages, den wir heiter bei einem guten Nachtessen ausklingen lassen.
Freitag, 24. Mai Das Kloster Drübeck ist eine Perle. Seine Geschichte als Kloster und nachreformatorisches Fräuleinstift ist überaus eindruckvoll. Sein jetziger Zustand wird durch die evangelische Bildungsstätte geprägt. Ein schöner Ort. Die Krypta lädt uns ein zu Gebet und Gesang.

Nach dem Besuch von Wernigerode mit seinem herrlichen Fachwerk-Häusern geht es für mehr als die Hälfte der Gruppe auf den leicht „überzuckerten“ Brocken. Die anderen schauten von fern der Dampfwolke der Brockenbahn nach und lesen bei Heinrich Heine und seiner „Harzreise“:

Auf dem Brocken
Heller wird es schon im Osten
Durch der Sonne kleines Glimmen,
Weit und breit die Bergesgipfel
In dem Nebelmeere schwimmen.

Hätt ich Siebenmeilenstiefel
Lief ich, mit der Hast des Windes
Über jene Bergesgipfel
Nach dem Haus des lieben Kindes.

Von dem Bettchen, wo sie schlummert
Zög ich leise die Gardinen
Leise küßt ich ihre Stirne
Leise ihres Munds Rubinen.

Und noch leiser wollt ich flüstern
In die kleinen Liljenohren
Denk im Traum, daß wir uns lieben
Und daß wir uns nie verloren.

Nicht nur Heine, auch Goethe hat den alten Sagenberg besungen.

Auf dem Heimweg gibt des das Nachtessen bei Restaurant Klosterfischer in Blankenburg, ein überaus schön am Harzrand gelegener Ort.
Samstag, 25. Mai Die alte Bischofstadt Magdeburg ist heute unser Ziel.
Der Dom und das Kloster Unser Lieben Frauen stehen im Blickpunkt.
Der Dom verfügt über eine außerordentliche Ausstattung, die ihresgleichen sucht. Insbesondere das Heilige Grab mit der Darstellung des endzeitlichen Christus und seiner Braut, der Kirche, hat eine hohe spirituelle und kunsthistorische Bedeutung.

Die sog. „Schöne Madonna“ zeigt einen charmanten Hüftschwung und der kleine Jesus bildet zeigt alle typischen Züge eines „puer senex“. Der Kreuzgang ist romanisch gegliedert und gehört mit dem des Klosters Unser Lieben Frauen zu den schönsten in Nordeuropa.

Die Figur des Kirchen- und Bistumspatrons Mauritius zeigt erstmals in der europäischen Kulturgeschichte alle Merkmale eines Schwarzafrikaners.

Das Kloster Unser Lieben Frauen – ehemals Chorherrenstift – ist heute Museum bzw. Konzerthalle. Hier treffen wir auf Juwel der romanischen Baukunst: Das Brunnenhaus im Kreuzgang.

Die „Grüne Zitadelle“ ein großer Baukomplex nach den Plänen von Friedrich Hundertwasser lohnt mit ihrer urbanen, farbigen und kreativen Architektur einen Besuch. Hier hat vieles, das in der brutalen Stadtplanung des realexistierenden Sozialismus, die immer noch weite Teile von Magdeburg (wenn auch als wärmeisolierter und aufgepeppter Mutation) dominiert, verdrängt wurde, eine heitere Heimat gefunden.

Rathaus, Markt und Magdeburger Reiter bilden weiter Blickpunkte unseres Programms.

Der Abend klingt mit einem festlichen Apéro zum 70igsten Geburtstag von Elsbeth K. und einem feinen Nachtessen mit viel Gesang aus.
Autor: Hanspeter Rast     Bereitgestellt: 27.05.2013     Besuche: 21 Monat
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch