Zum 600 Jahre von Niklaus von Flüe:

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Niklaus von Flüe - Ein helvetischer Mystiker
Michael Bangert,








Niklaus von Flüe (1417-1487) ist eine bemerkenswerte und perspektivenreiche Gestalt in Geschichte der Schweiz. Wer in die einschlägigen Publikationen der jüngsten Zeit schaut, findet eine Reihe von Beschreibungen für ihn. Die einen sehen in ihm den „eidgenössischen Patrioten“, andere verstehen ihn wiederum als „Bauernheiligen“. Auch als „Landesvater“ tritt er in Erscheinung. Bisweilen wird seine Biographie zudem auf das für die bürgerliche Rezeption ärgerliche Verlassen von Ehefrau und Familie reduziert. Die politische Instrumentalisierung bestimmter Aussagen engte das Bild von Bruder Klaus, wie er sich im Laufe seines Lebens nannte, in der Moderne zunehmend auf die Phänomene Nahrungslosigkeit und Prophetie ein. Die konfessionelle Inanspruchnahme als der große „Katholische Schweizer“ von Seiten der römischen Kirche verstärkte diese Tendenz. Wir wollen hier versuchen, die konfessionellen „Übermalungen“ beiseite zu lassen und Niklaus von Flüe als eine Person vorzustellen, die sich biblisch orientiert nach einer Intensivierung der Frömmigkeit strebt.

In Jahr 1417 wird Niklaus in eine Bauernfamilie hineingeboren, die ihren Besitz in Flüeli im Kanton Obwalden hat. Vom alten Wort „Flue“, bzw. „Flů“, wird der Familiennamen „von Flüe“ abgeleitet. Seine Eltern sind Heinrich von Flüe und Hemma Růbert. Klaus, so sein Rufname, hat keine Gelegenheit, eine Schule zu besuchen. So bleibt er sein Leben lang des Schreibens unfähig. Alle Dokumente oder Briefe von ihm sind Diktate und Aufzeichnungen anderer Personen. Auch des Lesens ist Niklaus von Flüe nicht mächtig. Wenn er z.B. offizielle Briefe versenden wollte, diktierte er den Text und siegelte ihn. So am 4. Dezember 1482, als er ein berühmt gewordenes Schreiben an den Rat der Stadt Bern verfasste. Dieser Text endet: „Auf diesen Brief lass ich mein eigenes Siegel setzen. Ich Bruder Klaus von Flüe“.


Vermutlich tritt Niklaus mit 16 Jahren für verschiedene Auftraggeber in den Kriegsdienst. Die Einheit der Eidgenossenschaft ist in dieser Epoche keineswegs gesichert und ständig muß auch die engere Heimat von Niklaus militärisch gesichert werden. Der sog. „Alte Zürichkrieg“ und der „Toggenburger Erbschaftskrieg“ kosten tausende von eidgenössischen Soldaten und fremden Truppen das Leben. Der spätere Eremit nimmt als Offizier an verschiedenen Kriegszügen teil. Neben der politischen Unruhe ist die Lebenszeit von Niklaus von großer religiöser Bewegung geprägt. Die kirchlichen Verhältnisse sind von langwierigen Konflikten geprägt, die auch das in der freien Reichsstadt Basel tagende Konzil (1431-1449) nicht beheben kann. Zu einem lässt sich eine gewisse Veräußerlichung der Glaubenspraxis beobachten. Für diese Entwicklung steht das Herabsinken der Ablässe zu einer Handelsware. Zum anderen verbreitet sich vor allem in den Kreisen der Handwerker und Bauern eine Tendenz zu intensiver und authentischer Glaubenspraxis. Die Suche nach einer unmittelbaren Christusförmigkeit ergreift weite Teile der europäischen Gesellschaft. Beispielhaft dafür mag der Maler Konrad Witz (ca. 1400-1446) stehen. Seine Kunst erschöpft sich nicht in grossen Gesten oder dramatischen Konstruktionen. Witz sucht nach einer inneren Wahrheit, nach der Begegnung mit dem Göttlichen. Beispielhaft für die kontemplative Haltung kann das Gemälde „Der Heilige Christophorus“ sein, das eine ganze neue Interpretation der Begegnung zwischen Christophorus und dem Christuskind vorlegt. Der lächelnd-faszinierte Blick des Gottsuchers ist auf die Wasseroberfläche gerichtet und eine Hand scheint zärtlich nach etwas zu tasten, das dem Betrachter des Gemäldes unsichtbar ist.
Auch das Kind, das mit der Rechten segnet und sich mit der Linken am Haar des Mannes festhält, schaut in diese Richtung. Ihre Blicke begegnen sich in der spiegelnden Oberfläche des Wassers. Christophorus sieht also nicht nur sein eigenes Bild, sondern darin noch ein neues Gesicht. Das Selbstbild wird erweitert um eine spirituelle Dimension, deren Ikone das Gotteskind ist. Witz thematisiert, daß Christophorus in sich ein Bild findet, das wesentlich zu ihm gehört, aber nicht auf seine Existenz be schränkt bleibt. Wie sein befreites Lächeln anzeigt, leuchten ihm darin Glück und Sinn auf.
Dieses Gemälde bringt die Grundthemen der Frömmigkeitsrichtung zum Ausdruck, der auch Niklaus zuzuordnen ist.

Entgegen den damaligen Bräuchen tritt Niklaus von Flüe spät in den Stand der Ehe. Erst nachdem er das väterliche Erbe angetreten hatte und für seine zukünftige Familie ein grosses Haus errichtet hat, heiratete er 1447 als wohlhabender Bauer die Bauerntochter Dorothea Wyss. Die beiden haben fünf Söhne und fünf Töchter. Niklaus ist als angesehener Bauer der Vertrauensmann der Kirchgenossen von Sachseln. Er wird bald Ratsherr in Obwalden und als solcher oft Schiedsrichter, auch in kirchlichen Streitsachen. Was er später im Ranft einem ratsuchenden Menschen empfiehlt, erprobt er bereits in diesen Jahren: „Das Leiden Christi, den Tod und das Gericht zu betrachten ist nötig. Aber eines ist nötiger: Dass der Mensch reinen Gewissens ist, dass er wenig Worte macht, gerne allein ist, oft ehrlich beichtet und an Speise und Trank nicht mehr als notwendig nimmt.“ In dieser Phase des Ehe- und Familienlebens praktiziert Niklaus bereits mit großer Hingabe eine Reihe von geistlichen Übungen. So berichtet sein ältester Sohn, dass sein Vater in jeder Nacht aufgestanden sei, um zu beten.

Nach mehr als zwanzig Ehejahren 1467 – das jüngste Kind war noch kein Jahr alt, der älteste Sohn Hans jedoch war mit seinen zwanzig Jahren bereits so erwachsen, dass er als Bauer die Familie ernähren konnte – entschloß sich Niklaus, die „peregrinatio religiosa“, die „geistliche Pilgerschaft“ zu beginnen. Verschiedene Erfahrungen mit der politischen Korruption und mit ungerechter Rechtsprechung hatten schon vorher zu dem Entschluß geführt, aus allen öffentlichen Diensten zurückzutreten. Niklaus von Flüe weigerte sich mehrfach, das Amt des Landammanns anzunehmen, obwohl ihm das Amt turnusgemäss zugefallen wäre.
Der Aufbruch zu einer geistlichen Wallfahrt war im Spätmittelalter ein durchaus üblicher Vorgang. Diese Pilgerschaften, wir könnten diesem Phänomen auch „spirituelles Experiment“ sagen, konnten Monate, aber auch Jahre dauern. Manche Pilger, die beispielsweise nach Jerusalem wallfahren wollten, waren zwei bis drei Jahre unterwegs. Nicht selten kam es vor, dass Pilger auf ihrer langen Reise durch Krankheiten, Unfälle oder Gewalttaten ums Leben kamen. Begann ein Ehemann die religiöse Pilgerschaft wurde in der Regel die Versorgung und Sicherung der Ehefrau durch die Zuteilung des Witwengutes geregelt. Diese Vorgehensweise war im Mitteleuropa des 15. Jahrhunderts ein geläufiges Modell. Auch die einvernehmliche Trennung eines Ehepaares nach der Fertilitätsphase mit dem Ziel, dass beide in einer Kloster eintreten konnten, war zu dieser Zeit nicht selten. Die Idee einer idyllischen Liebesheirat kannte das 15. Jahrhundert nicht
Da Niklaus zur Zeit seines Aufbruchs bereits 50 Jahre alt war, blieb ihm für seine geistliche Wallfahrt, nicht mehr viel Zeit. Es ist auch bei Niklaus von Flüe davon auszugehen, dass anfangs nicht klar war, wie lange diese Pilgerschaft dauern würde. Der Wunsch des Bauern aus Flüe war es aber, seine Frömmigkeit zu vertiefen. Daher kann kein fahrlässiges Verlassen von Ehefrau und Familie konstatiert werden. Zum einen bestand die Möglichkeit der Rückkehr, zum anderen war die Sorge für Familie und Hof von den beiden ältesten Söhnen übernommen worden.
Niklaus bricht also zu seinem „spirituellen Experiment“ mit dem Einverständnis seiner Frau und seiner ältesten Erben auf. Die Frage, ob er als Eremit leben wolle, scheint sich zu dieser Zeit noch nicht gestellt zu haben. Sein Weg führt ihn zunächst Richtung Basel. Zu dem dortigen Dominikanerkloster hatte er, wie der Fribourger Historiker Heinrich Stirnimann nachweisen konnte, einen engen Kontakt. Die biographischen Legenden berichten von einer Vision im Windental oberhalb von Liestals. Niklaus brach seiner geistliche Pilgerschaft daraufhin in äußerer Hinsicht ab, kehrte zurück an seinen Heimatort und setzte sie in innerlicher Weise fort in der Ranftschlucht, nur wenige Minuten von seinem Haus, als Einsiedler nieder. Zunächst hatte er sich in der Alp Klisterli niedergelassen; dann wird die Melchaa-Schlucht, der Ranft, bis zum Tod am 21. März 1487 sein Domizil. Niklaus geht den geistlichen Weg nicht allein. Er ist nicht im strengen Sinn ein Einsiedler. Mit ihm lebte ein gewisser Bruder Ulrich aus Memmingen, der nach Auskunft der historischen Berichte theologisch gut gebildet war, in der Ranft (Über diesen Mitbruder gibt es eine Verbindungslinie zur Memminger Kunst- und Malerschule der Familie Striegel. Allemal wird ihm so das Bildprogramm von Ivo und Bernhard Striegel bekannt gewesen sein!). Auch seine Frau Dorothea nahm an verschiedenen Gesprächen und Besuchen teil.

Der Schwerpunkt seiner Spiritualität von Bruder Klaus – wie er sich nun nannte – lag in der täglichen intensiven Betrachtung des Leidens Christi. Die bedingungslose Hingabe Gottes an die Welt bildet das zentrale Thema seiner Frömmigkeit. Im bereits erwähnten Brief an den Rat der Stadt Bern schreibt er: Das „Leiden Gottes“ im Herzen zu tragen, bringt am Ende des Erdenlebens Trost und Sicherheit! Niklaus strebte nicht nach öffentlicher Aufmerksamkeit oder nach spirituellen Sonderphänomenen. So äußerte er sich selbst nie zu der als sensationell empfundenen jahrelangen Nahrungslosigkeit, - sein Weg war der der schlichten, aber radikalen Nachfolge.
Autor: Hanspeter Rast     Bereitgestellt: 29.05.2017    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch